Große Reise, kleine Schritte

Jun 19, 2020 | TITELTHEMA

Die ersten Tage und Wochen in der neuen Kita sind besonders aufregend – für die Kleinen, aber auch ein wenig für Mama und Papa. Damit der Trennungsschmerz nicht zu groß ist, benötigen Kinder in der Eingewöhnung vor allem eines: Zeit.

Text Kerstin Smirr

Das Ende der Elternzeit naht. Vor Wochen ist die Zusage für den Platz in der Kindertagesstätte im Briefkasten gelandet. Nun – so kurz vor knapp – kommt doch etwas Unbehagen auf, das eigene Kind fremden Menschen anzuvertrauen. Ja, die Eingewöhnung naht. Nicht nur für Eltern beginnt ein neuer Alltag. Für die Kleinen ist der Übergang vom vertrauten Zuhause in die Kita, in der so viele neue Erfahrungen warten, eine besonders intensive Phase. Doch wie gelingen die ersten Wochen in der ungewohnten Umgebung, fern von Mama und Papa? 

Die Antwort klingt einfach: Indem Kinder  Zeit und Raum erhalten, neue menschliche Beziehungen einzugehen, die ihnen ein Gefühl von Schutz, Nähe und Vertrauen geben und ihnen so die weitere Entwicklung ermöglichen. Schließlich haben Studien gezeigt, dass Kinder sich erst dann trauen, ihre Umwelt zu entdecken, wenn sie sich emotional sicher fühlen. „Es ist wichtig, dass die Eingewöhnung bindungsbasiert stattfindet“, fasst es Prof. Dr. Fabienne Becker-Stoll zusammen. Die Diplom-Psychologin leitet das bayerische Staatsinstitut für Frühpädagogik. Drei Aspekte seien in den ersten Wochen in der neuen Kita grundlegend: dass ein Elternteil das Kind zu Beginn begleitet, eine Bezugserzieherin sich aktiv um das Kind bemüht und Mutter oder Vater sich nach den ersten Tagen bewusst verabschieden, statt sich aus dem Raum zu stehlen.

Fabienne Becker-Stoll rät Eltern, sich vor Kitastart über das Eingewöhnungskonzept der Kindertagesstätte zu informieren und Möglichkeiten für ein erstes Kennenlernen zwischen Familie und pädagogischem Personal zu nutzen. Viele Kindertagesstätten organisieren beispielsweise einen Schnuppertag. Die Psychologin kennt positive Beispiele, bei denen die Bezugserzieherin die Familie sogar vorab zu Hause besucht, um mehr über das Kind und seine alltäglichen Gewohnheiten zu erfahren. „Das macht die Eingewöhnung sehr viel leichter, weil das Kind denkt, die Erzieherin sei eine Freundin der Mutter“, sagt Fabienne Becker-Stoll.

Eingewöhnung gestalten
Wer sich erstmals mit der Materie Eingewöhnung beschäftigt, wird dabei vermutlich auf das Münchener oder auch Berliner Modell stoßen. Diesen beiden Konzepten ist gemein, dass sie einen gewissen Ablauf für die Eingewöhnungsphase vorsehen. Für Fabienne Becker-Stoll ist jedoch nicht das gewählte Modell entscheidend für ein gutes Gelingen der Eingewöhnung: „Es geht nicht um das Durchziehen eines Programms. Die Hauptsache ist, dass die Leitung und das Team der Kindertagesstätte einen professionellen Umgang zur Eingewöhnung pflegen. Dass sie eine Idee davon haben, wie sie diese Phase gestalten und auch darüber reflektieren, wenn es mal nicht so gut läuft. Die Hauptsache ist, dass sie die Bedürfnisse des Kindes und der Familie gut im Blick haben“, so die Psychologin. 

Die Erfahrung einer Eingewöhnung, die nach Vorgabe verläuft, hat die 37-jährige Dani aus dem Raum Nürnberg gemacht. Kurz vor dem  Ende ihrer zweiten Elternzeit startete für sie, ihre zweieinhalbjährige Tochter und ihren einjährigen Sohn das Kitaleben. „Ich habe vorab einen fixen Plan bekommen, in dem die einzelnen Schritte der Eingewöhnung Woche für Woche notiert waren“, erzählt sie. Anderthalb Monate waren vorgesehen. Nach drei Wochen durften die beiden erstmals zum Mittagessen bleiben. „Meine Kinder waren wirklich unkompliziert. Mir dauerte das daher alles zu lange“, sagt sie. Schließlich suchte Dani das Gespräch mit den Erzieherinnen. Sie waren bereit, das Schlafengehen etwas eher anzugehen als nach Plan. Und es klappte.

„Das Kind bestimmt das Tempo“
„Die Kindertagesstätte und die Familie sollten die Eingewöhnung gemeinsam gestalten, in gegenseitigem Vertrauen und Austausch“, sagt Ulrike Schmitt, die als Erzieherin in einem Kindergarten in Nürnberg tätig ist. Eines der wiederkehrenden Themen sei der Zeitdruck in der Eingewöhnung, der von Eltern beziehungsweise deren Arbeitgebern ausgeht. „Das Kind bestimmt das Tempo, nicht die Eltern. Wenn es gut gelingen soll, sind Geduld und Zeit wichtige Faktoren“, meint sie. In ihrem Kindergarten gelten zwei Wochen als grober zeitlicher Rahmen, wobei manche der Drei- bis Sechsjährigen schneller ankommen als andere. Bei Kindern unter drei Jahren wird oftmals ein längerer Zeitraum vorgesehen. Die Antwort auf die Frage, wie lange eine Eingewöhnung dauert, ist individuell. „Wie ein Kind die ersten Tage in einer neuen Einrichtung erlebt, lässt sich nicht planen“, sagt Ulrike Schmitt. Eltern sollten den Zeitraum daher eher großzügig als zu knapp voraussehen. Schließlich kann auch eine plötzliche Erkrankung dazu führen, dass die Eingewöhnungsphase länger dauert.

Wie entspannt es laufen kann, hat Jenny erfahren. Sie begleitete die Eingewöhnung ihres zweieinhalbjährigen Sohnes ohne den Druck, ihn so bald wie möglich ganztags im Kindergarten zu lassen. Auf diese Weise fiel es ihr selbst leichter, ihn loszulassen. „Als Mutter ist es kein schönes Gefühl, wenn mein Sohn schreit, wenn ich mich verabschiede. Zum Glück hat er nie geweint. Das Schönste ist, wenn er einfach Tschüss sagt und weg ist. Inzwischen besucht er seit vier Monaten mit Begeisterung die Betreuung. Jenny holt ihn in der Mittagszeit ab, wenn er erschöpft ist von all den neuen Eindrücken und nach Hause möchte.

Nicht nur für die Kinder ist die Eingewöhnung eine Zeit des Kennenlernens, sondern auch für die Mütter und Väter. So manchem fällt die Trennung schwer. „Wenn Eltern unsicher sind, werden auch die Kinder unsicher, denn sie spüren es“, sagt Ulrike Schmitt. „Das Loslassenkönnen hat etwas mit dem Vertrauen in die Einrichtung zu tun. Deshalb ist es wichtig, dass Eltern solche Unsicherheiten ansprechen und wir sie gemeinsam aus dem Weg räumen können.“ Manchmal würden einige ermutigende Worte dabei helfen, dass der Elternteil mit leichterem Herzen den Weg vor die Tür findet. 

Die Notbremse ziehen
In den ersten Tagen bekommen Eltern mit, wie das Personal mit seinen Schützlingen umgeht, welche Regeln gelten, wie der Tagesablauf gegliedert ist oder auch, wie das Thema Hygiene gelebt wird. Da kann einem so manche Beobachtung schon einmal etwas sauer aufstoßen. „Während der Eingewöhnung habe ich gesehen, wie eine Erzieherin mit ein und demselben Waschlappen die Münder der Kinder abgewischt hat, nachdem sie Schokokuchen gegessen hatten. Ich war erst unsicher, aber nach einer Woche habe ich dann doch die Gruppenleiterin darauf angesprochen. Sie war zum Glück einsichtig“, erzählt Dani. 

Was tun, wenn etwas nicht passt? Fabienne Becker-Stoll rät Eltern durchaus zum Austausch mit dem Personal. „Eltern sollten das Gespräch suchen, wenn es sich um Kleinigkeiten handelt und es ihr eigenes Kind betrifft, zum Beispiel wenn es sich mit der Bezugserzieherin weniger gut versteht als mit einer Kollegin“, sagt sie. In manchen Fällen sieht sie die Wirkung eines Gesprächs aber als begrenzt an. „Es ist normal, dass ein Kind morgens beim Abschied möchte, dass Vater oder Mutter bleiben. Eine Eingewöhnung hat gut funktioniert, wenn es bei der Bezugserzieherin aktiv Trost sucht und findet. Wenn mein Kind aber Angst hat und das Personal das Weinen nicht beachtet, ist Alarmstufe Rot. Es gibt keine Entschuldigung dafür, Kinder nicht zu trösten.“ Dann helfe auch ein klärendes Gespräch nichts: „Wenn in einer Kita Grundlegendes falsch läuft, haben Sie als Eltern keine Chance, etwas zu ändern. Sie werden dort niemanden bekehren. Suchen Sie nach einer anderen Betreuungsmöglichkeit.“ 

„Dass eine Eingewöhnung nicht zum Erfolg führt, muss aber nicht an der Einrichtung liegen. In seltenen Fällen könnten sich sehr sensible Kinder, die die neuen Eindrücke intensiver wahrnehmen, in der ungewohnten, lebhaften Umgebung schwertun,“ sagt Fabienne Becker-Stoll. „Dann kann eine Tagesmutter die bessere Wahl sein.“ Zudem könne eine frühere, plötzliche und schmerzhafte Trennung von Vater oder Mutter dazu führen, dass sich ein Kind in der Kita nicht einlebt. Dann sei es besser, noch einige Monate zu warten. Ulrike Schmitt kann sich an kaum einen Fall erinnern, bei dem es nicht geklappt hätte. 

 

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