Ein ganzes Jahr nur spielen

Jun 19, 2020 | UNSERE WELT

Prof. Dr. Hans-Joachim Wagner, der Leiter des Büros zur Kulturhauptstadtbewerbung N2025, erklärt uns im Gespräch, welche Rolle Kinder und Jugendliche im Bewerbungsprozess … naja: spielen eben.

Interview Katharina Wasmeier

Herr Wagner, wie viele Kinder waren denn in den letzten Monaten hier oben im Bewerbungsbüro? 
Hier oben … nicht so viele. Aber unten im Bürgerbüro in der Spitalgasse waren schon einige Kinder unterwegs. Zu Beginn meiner Arbeit hier 2018 haben wir nämlich einen Film gedreht, mit Theater Mummpitz zum Thema Kinderbewerbungsbüro. Wir haben Kinder gebeten, uns zu erzählen, wie sie sich die Kulturhauptstadtbewerbung vorstellen. Über Einzelprojekte sind wir aber mit Kindern und Jugendlichen immer wieder intensiv im Austausch. 

Kinder haben also hier auch mitzusprechen?
Ja, durchaus. Mit dem Film, aber auch in Kooperation mit der Metropolregion haben wir mit „Game On 2025“ ein Spiel entwickelt, bei dem es darum ging, dass junge Menschen eine digitale Schnitzeljagd entwickeln. Ein neuer Blick auf die Stadt für Kinder – aber auch für Erwachsene. Ein schönes Projekt, das z. B. auch in Bamberg ganz erfolgreich läuft. Mit Jugendlichen haben wir in Kooperation mit dem Medienzentrum Parabol und der slowenischen Mitbewerberstadt Ljubljana einen Beitrag zum Jugendfilmfestival erarbeitet. Es geht also immer um die Aktivierung der Kinder, so dass sie sich mit ihren Fähigkeiten in den Prozess einbringen können.

Wie finden die Kinder denn schon in der Bewerbung statt?
Unter dem Motto „bE U – Share Democracy“ fand vergangenes Jahr ein Schul-OpenCall unter Beteiligung von 29 Schulen statt. Es sind tolle Sachen entstanden, beispielsweise ein Comic über eine jüdische Familie und das Haus, in der sie lebte. Ein Projekt mit großer Dimension und Strahlkraft. 

Das kommt also aus der Lebenswelt der jungen Leute. Was geht denn in deren Welt hinein?
Hier muss ich in die Theorie ausholen. Unser erster Themenkomplex ist das Thema Menschlichkeit, bei dem die Menschenrechte eine große Rolle spielen. Wir beschäftigen uns hierbei zum einen mit der UN-Behindertenkonvention, zum anderen mit dem Thema der Kinderrechte. Wie schaffen wir Zugänge zu Kultur? Wie schaffen wir niedrigschwellige Angebote? Wie gehen wir mit Kinderarmut um? Wie wird kulturelle Praxis sichtbar? Es gibt so viel andere Kultur außerhalb unserer biodeutsch-mitteleuropäischen, die mit unseren Begrifflichkeiten nichts zu tun hat. Genau auf diesen Kulturbegriff sind die Angebote aber oft ausgerichtet – es geht sehr häufig um die Vermittlung eines europäischen Kulturbegriffes. Unser Ziel ist es, diese Verengung aufzulösen. Welche Instrumente gibt es im asiatischen Raum? Warum spielt Computerkomposition keine Rolle? Wir müssen in die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen hineingehen und gucken, wie sie sich die Welt aneignen, anstatt aus der Perspektive der Erwachsenen zu agieren. 

Es gibt Kinder, es gibt Erwachsene – aber dazwischen auch noch Jugendliche. Welchen Platz haben Teenager im Bewerbungsprozess?
Unser zentrales Ziel ist das Thema Spielen, worüber sich alle Altersgruppen einbinden lassen. Vielleicht muss man aber den Begriff „Spiel“ aufweichen – als Erwachsene machen wir uns gerade im Bereich des digitalen Spiels keine Vorstellung. 

Sie haben bereits spezielle Kinderprojekte?
„Kinder zeigen Kindern ihren Stadtteil“ ist ein Projekt des Sozialreferats, bei dem Kinder Stadtführungen erarbeiten, um die Stadt aus ihrer Perspektive zu erleben und den Blick zu vermitteln. Das ist eine Herausforderung: Welche Kinder erreicht man damit? Und wie findet man das Pendant, das sich dafür interessiert? In der ersten Phase haben wir vielleicht auch mit Achtjährigen eine falsche Altersstruktur gewählt. Aber man lernt aus solchen Prozessen, und das ist auch gut und wichtig. 

Gibt es denn Ideen für intergenerationelle Projekte, also Kinder und Senioren?
Dieses Thema haben wir auf dem Tisch, aber bislang kein gutes Format dafür gefunden. Die intergenerationelle Arbeit wird aber Teil des Bewerbungsjahres sein, v. a. hinsichtlich des gemeinsamen Machens und des Wissensaustausches. Seniorinnen und Senioren haben viel zu erzählen!

Wie unterscheidet sich das Bewerbungsbuch der Kinder und Jugendlichen von dem offiziellen Bewerbungsbuch – und wer hat bestimmt, was da reinkommt?
Es ist in einem hochpartizipativen Aushandlungsprozess entstanden, bei dem die Kinder sehr klar gesagt haben, was sie da drin haben wollen. Der Unterschied liegt auf der Hand: Es ist zweisprachig, hat eine tolle Aufmachung – und ist mit fast 400 Seiten viel dicker als das 60-seitige „Erwachsenenbuch“. Und es ist nicht einfach nur für Kinder übersetzt, sondern es hat eine andere Herangehensweise, in der nicht wir den Kindern und Jugendlichen erklären, was Kulturhauptstadt ist, sondern sie uns. Da geht es im Grunde immer um die Frage: Was wünscht ihr euch, wie sind eure Visionen, wie soll Nürnberg aussehen? Eine große Rolle spielen dabei Ökologie, Miteinander und Gleichberechtigung. Besonders gut gefallen hat mir die Idee eines Mädchens, das sich seinen Schulweg mit Trampolinen gepflastert wünscht. Bei allem steht das Selbermachen und Selberfinden im Zentrum.

Kann man das Buch irgendwo anschauen?
Es liegt an einigen Stationen aus, zum Beispiel in Auf AEG, in der Stadtbibliothek oder bei uns im Bewerbungsbüro in der Spitalgasse 1 – mit extra Lesepulten für Kinder! 

Haben Sie aus dem Kinderbewerbungsbuch für sich irgendetwas gelernt?
Natürlich! Uns geht leider die Leichtigkeit und Spontaneität, die sich darin niederschlägt, ein bisschen ab. Da können wir uns sicher eine Scheibe abschneiden. Spielerisches, Fantasie- und Ideenreichtum – das ist wirklich stark! 

Gibt es schon einen Effekt oder Nutzen, den Familien aus dem Bewerbungsprozess erleben können?
Die Spiele-App ist bereits fertig. Ansonsten ist die Crux des Prozesses, dass wir etwas vorbereiten, was im Idealfall in fünf Jahren stattfinden wird. Das ist schwierig in der Vermittlung. Aber beim Boulevard Babel mit der gesperrten Wölckernstraße gab es ein tolles Familien- und Stadtfest mit beeindruckenden Gesprächen und Erlebnissen. 

Viele Familien verstehen vielleicht nicht, was N2025 soll, wenn gleichzeitig die Schulen schimmeln. Was sagen Sie denen?
Dass man das eine gegen das andere nicht ausspielen kann. Nürnberg pumpt jedes Jahr sehr viel Geld in die Instandhaltung der Schulen … natürlich weiß ich, wie es in manchen Schulen aussieht. Aber Kulturhauptstadtbewerbung kann vielleicht so etwas sein wie eine neue Identifikation mit der Stadt. Beginnen, die Stadt mit anderen Augen zu sehen, in neue Formen des Austauschs zu kommen, des Miteinanders – das ist das Ziel. 

Das klingt sehr theoretisch … Gibt es auch was zum Anfassen?
Ich weiß … Aber es wird anfassbar, wenn es sich weiter konkretisiert. Wir planen für den September Klangfahrräder für die Innenstadt, auf die man sich setzen und Musik machen kann. Daran kann man vielleicht sehen und begreifen: Aha, so kann das gehen. Und es wäre fatal, wenn sich die Bewerbung nur auf die Altstadt konzentrieren würde. Wir gehen da natürlich raus. Außerdem haben wir bereits in diesem Jahr mit panoptikum zusammengearbeitet – dem internationalen Kinder-Theaterfestival. 

Der Kulturhauptstadt-Bewerbungsprozess ist kein Preis für Bestehendes, sondern ein Katalysator für die Entwicklung von Zukünftigem. Was zeichnet die Stadt Nürnberg in puncto Familie aus? Was ist schon gut?
Eine gute Frage. Nürnberg hat eine gut funktionierende Angebotsstruktur für Kinder, Jugendliche, Senioren, Neugeborene, Noch-nicht-Geborene … Aber das ist gleichzeitig ein großer Nachteil. Denn wir haben es hier in der Stadt mit einer Form von Überregulierung zu tun. Und ich glaube, es ist notwendig, dass wir viel mehr in die einzelnen Bevölkerungskreise hineingehen und dort nach den Wünschen und Bedürfnissen fragen. Das ist die zentrale Aufgabe. Wenn uns das gelingt, haben wir eine neue Stadt, in der Vielfalt und Differenz der kulturellen Praxis eine gewichtige Rolle spielen … Statt als Stadt immer nur anzubieten und zu sagen „ihr könnt, wenn ihr wollt“, muss man auch einfach mal zulassen. 

Haben Sie das auch als größtes Defizit identifiziert?
Ja. Auch wenn ich mir damit viele Feinde mache. 

Wie sieht die Familienkulturtraumhauptstadt aus?
Mein Ideal: Eine Kulturhauptstadt der Kinder und Familien, in der wir 365 Tage im Jahr die Möglichkeit haben, im öffentlichen Raum zu spielen. Ein großes Ereignis, das draußen stattfindet – mit einem kleinen, aber mir sehr wichtigen Mosaikstein: einem Kindertheater-Festival der Welt! 

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