Der Neandertaler in uns

Jun 17, 2020 | DAS WOLLEN WIR WISSEN

Wir können nicht aus unserem Fell

Betrachtet man menschliches Dasein auf unserem Planeten als 24-Stunden-Tag, dann waren wir ganze 23 Stunden lang Jäger und Sammler. Anthropologen meinen, wir seien auch heute noch Steinzeitmenschen – eingekerkert, vergiftet und verwirrt. So weit hergeholt, wie man im ersten Moment glauben mag, ist das möglicherweise gar nicht, denn in uns Europäern stecken noch immer rund zwei Prozent Neandertalergene. Und die mischen kräftig mit – nicht nur bei körperlichen Reaktionen, sondern auch bei unserem Verhalten. 

 Text Simone Blaß

Das gesamte Weltwissen verdoppelt sich inzwischen alle 700 Tage – die Evolution kommt da schon lange nicht mehr mit, unser Verhalten steckt in vielerlei Hinsicht noch in den Fellpuschen. Wer schon einmal einen Mann am Grill beobachtet hat, weiß, was gemeint ist. Die tief in uns schlummernden archaischen Ururgroßeltern erwachen nämlich vor allem in den Situationen, die überlebenssichernd sind. Oder die wir für überlebenssichernd halten. Da ist es nur natürlich, dass der Mann für das Braten des von ihm erjagten Mammuts – auch, wenn es heute nur ein Tofuwürstchen ist – ausgiebig gelobt werden will.

Uralte Geschlechterrollen bestimmen unser Verhalten

Es gibt Muster, die sich erstaunlich oft wiederholen. Die meisten Männer können zum Beispiel besser einparken. Aber nicht, weil sie die begabteren Autofahrer sind, Richtung und Bewegung liegen ihnen einfach im Blut. Aber fragen sie den gleichen Mann einmal, ob er weiß, wo der Sohnemann nach dem letzten Training seine Fußballschuhe hingeschmissen hat – mit dem Mama-Memory kann er definitiv nicht mithalten. Frauen sind nämlich seit Urzeiten, so der Wissenschaftsautor Jürgen Brater, in der Lage, weit verstreute, aber unbewegliche Dinge in einem bestimmten Areal wiederzufinden – in und um ihre Höhle sozusagen.   

Wir haben aus Versehen die Evolution überholt

So manches ist fest in unserem Erbgut verankert. Wenn wir Stress haben, gerät unser Körper in Alarmbereitschaft. Fight or Flight – das Adrenalin steigt, die Härchen stellen sich auf, damit wir größer wirken, was heutige Säbelzahntiger in Form von Chefs oder Finanzbeamten leider nicht sonderlich beeindruckt. Wir fürchten uns vor kleinen Spinnen, sitzen aber in aller Ruhe in Autos, die 200 km/h schnell sind. Wir hantieren mit Silvesterböllern, machen aber einen Satz, wenn uns eine Blindschleiche begegnet. Kinder haben eine angeborene Angst vor Fremden und spucken von Anfang an Bitteres wieder aus, langen aber unbedarft in Steckdosen oder rennen auf die Straße. Einen offenen Kamin assoziieren wir mit Behaglichkeit, wir sitzen nicht gern mit dem Rücken zur Tür, ein dunkler Keller macht uns Angst, und wenn einer aus der „Sippe“ gähnt und damit die Schlafenszeit einläutet, ziehen wir alle nach. Und da interessiert es unseren Körper überhaupt nicht, dass wir gerade in einem wichtigen Meeting sitzen. Wir können nicht anders. Unsere Software hinkt eindeutig der Realität hinterher. 

Wie in grauer Vorzeit

Besonders eindrucksvoll ist das Erbe unserer Ahnen, wenn es um Partnerwahl und Nachwuchs geht. Frauen stehen auf Männer, die groß sind und einen guten sozialen Stand haben. Er soll uns beschützen und versorgen können – auch etwas, was wir gerne leugnen, was uns aber längst von Wissenschaftlern nachgewiesen wurde. Genau wie die Tatsache, dass Männer, wenn es ums Heiraten geht, sich selten für Barbies entscheiden, sondern eher für Frauen mit breiteren Hüften und gesundem Aussehen. Schließlich soll die zukünftige Mutter seiner Kinder die Geburt der Nachfahren überleben – zum Erhalt seiner Gene. 

Stimmen jetzt noch die Pheromone, die Duftbotenstoffe, die sich sogar durch Parfum nicht täuschen lassen, dann verliebt man sich – und zwar genau so lange, wie es dauert, bis eine Frau schwanger ist. Forscher der Universität Wuppertal haben herausgefunden, dass bereits nach sechs Monaten die rosarote Brille schon wieder deutlich realistischere Farben annimmt. 

Vor dem Hintergrund unserer Ahnen fällt es leichter zu verstehen

Eine schwangere Neandertalerfrau hatte es bei der Geburt übrigens um nichts leichter als der weibliche Homo sapiens heute. Das relativ große Gehirn unserer Babys forderte schon damals seinen Preis. Dass die liegende Position für diese Situation nicht die optimale ist,  wird uns heute langsam wieder klar. Zu den Relikten der Urzeit gehört auch, dass Frauen nach einer spontanen Geburt alles andere als müde sind. Genau wie die Tatsache, dass bereits wenige Tropfen reichen, um ein Neugeborenes im wahrsten Sinne des Wortes zu stillen. Schließlich kann es sein, dass die frischgebackene Mama Neandertaler ihr Baby erst einmal in Sicherheit bringen muss. Was auch erklärt, warum Muttermilch bei Stress grundsätzlich versiegt: Es ist wenig sinnvoll, dass sie aus der Brust spritzt, während einem der Höhlenbär auf den Fersen ist. 

Die Sippe bietet Sicherheit. Und deswegen schlafen Säuglinge auch am besten, wenn sie auf dem Arm liegen, um sie herum friedliches Gemurmel. Ein eigenes, ganz stilles Zimmer widerspricht ihrer Natur. Kein Wunder also, dass ein Baby, das sich alleingelassen fühlt, fürchterlich weint. Woher soll es auch wissen, dass in ein modernes Kinderzimmer in der Regel keine fremde Horde einmarschiert? Und was so ein verzweifeltes Weinen mit uns macht, hat jeder schon mal am eigenen Leib erlebt: Instinktiv suchen wir das verlassene Kind – und wenn es mitten in einer belebten Fußgängerzone ist.

Alles eine Frage des Blickwinkels

Vor dem Hintergrund unserer Ahnen in uns wird so manches klar. Haben Sie sich zum Beispiel schon einmal gefragt, warum gerade Jungs es in den ersten Schuljahren oft so schwer haben? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Stillsitzen ist in ihren genetischen Anlagen gar nicht vorgesehen. Sie sind angehende Jäger und als solche darauf programmiert, sich zu bewegen. Interessant dabei ist: Besonders wichtig für die Gruppe waren die Jungs, die jede Bewegung, jeden noch so leisen Ton registrierten und mit Alarmbereitschaft reagierten. Denn sie sicherten das Überleben der Sippe. Dass sie in unserer Gesellschaft als hyperaktiv gelten, ist nur ein Beispiel für die Diskrepanz zwischen unserem Erbgut und den Bedingungen der modernen Welt. 

Stammesgeschichtliches Verhalten steckt tief in uns

80.000 Generationen lang lag die Lebenserwartung bei rund 30 Jahren. Jugendliche, die heute als unreif gelten, waren also über die längste Zeit der Menschheitsgeschichte die eigentlichen Erwachsenen, die Aufzucht mit dem Einsetzen der Geschlechtsreife vorbei. Ab diesem Moment stand der Nachwuchs in der Blüte seines Lebens, war stark, zog los, musste Areale und Partner erobern und dabei einiges an Risiken eingehen. „Wir unterschätzen unsere Jugendlichen massiv. Sie sind unsere wahren Helden“, davon ist der Erlanger Neurobiologie Ralph Dawirs überzeugt. 

Wer einen Teenager zuhause hat, kann sich also ab sofort mit dem Wissen um die Neandertalergene ganz entspannt zurücklehnen, wenn dieser wieder einmal bei Minusgraden nur mit einer Jeansjacke und dünnen Turnschuhen bekleidet aus dem Haus geht. Die Jugendlichen merken das nicht und in der Regel schadet es ihnen auch nicht. Sie sind auf dem Welteroberungspfad – und von Natur aus jetzt nicht darauf geeicht, sich mit so schnöden Dingen wie Funktionskleidung zu beschäftigen. „Sie überleben das. Wer innen heiß ist, der friert nicht.“

Moderne Säbelzahntiger erkennen

Es ist ganz praktisch, wenn man sich mit mancher Auswirkung des Urmenschen auf uns herausreden kann. Aber die Zusammenhänge zu erkennen, hat auch noch andere Vorteile. Denn unser heutiger Stress ist nun mal kein Säbelzahntiger, der sich zeitnah wieder schleicht. Sich der uralten Muster bewusst zu werden, dient also nicht nur unserer Gesundheit, sondern auch dem Verständnis füreinander.   

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