TELEMEDIZIN ONLINE DOC

Feb 14, 2020 | BLEIBT GESUND

Der Nachwuchs kränkelt. Steckt hinter dem Husten, dem Hautausschlag oder der Verletzung am Knie etwas Ernstes? Oder heilt das von alleine? Vor allem junge Eltern sind schnell verunsichert. Dr. Google oder Schwester Alexa sind beliebte, aber denkbar schlechte Ratgeber.
Ist ein digitaler Arztbesuch eine Alternative?
Statt panisch ins Auto zu springen und in die nächste Notfallklinik zu fahren – Anreise und Wartezeit vor Ort inklusive, können Eltern den Mediziner per Handy, Notebook oder Tablet kurz auf den kleinen Patienten schauen lassen. So verschafft sich der Online-Doc einen ersten Eindruck, stellt eine Ferndiagnose und beruhigt im besten Fall die Eltern. Handelt es sich allerdings um einen akuten Fall oder kommt er online nicht weiter, wird er das kranke Kind zu sich in die Praxis bestellen, Hilfe schicken oder es in die nächste Klinik überweisen.

Text Andreas Fiek 

DEUTSCHLAND LIEGT IM
BEREICH DER TELEMEDIZIN GEGENÜBER DER SCHWEIZ 15 JAHRE
ZURÜCK.

 

Technisch ist das längst machbar und inzwischen auch gesetzlich und standesrechtlich möglich. Trotzdem tut sich Deutschland nach wie vor mit der Telemedizin schwer. Andere Länder sind schon weiter. Wie etwa die Schweiz, erzählt Jörg Pelleter: „Dort bietet die Firma Medgate das, was wir in Deutschland gerade in Trippelschritten aufbauen, seit über zehn Jahren hochprofessionell an – als privater Anbieter im Auftrag der Krankenkassen.“
Seit Jahren verfolgt der Nürnberger Gesundheitsökonom, wie sich das Thema durch die Mühlen der deutschen Bürokratie knirscht – vorbei an technischen Hürden und Bedenkenträgern. Auch im deutschen Gesundheitswesen, in dem das Faxgerät nach wie vor ein Hauptkommunikationsmittel ist, wird Veränderung oft als Bedrohung wahrgenommen und nicht als Chance verstanden.
„Im Prinzip geht es hier ja in vielen Fällen um nichts anderes als um ’ich mache ein Foto, schick dir das und du schaust drauf’ ’’, erklärt Pelleter, der seine Doktorarbeit schon vor einem Jahrzehnt über Telemedizin geschrieben hat. Und dann erzählt er, dass es bei der Bundeswehr längst gelebte Praxis ist. Bei Auslandseinsätzen steht den Soldaten ein mobiler Telemedizincontainer zur Verfügung, der randvoll mit Analyse- und Laborgeräten ist. Fachkrankenpfleger nehmen vor Ort die nötigen Untersuchungen vor, die Daten werden per Satellit an den weit entfernt sitzenden Facharzt weitergereicht. Weiß der nicht weiter, ruft er ein Telekonzil an sprich, er schaltet – ebenfalls online – medizinische Spezialisten hinzu. So ist umfassendes Know-how auch zum Beispiel in der afghanischen Wüste verfüg-bar, viele tausend Kilometer vom nächsten Universitätskrankenhaus entfernt.
Dass diese Praxis in Deutschland noch nicht Alltag ist, liegt unter anderem an einem Gesetz, das Ärzten bis vor Kurzem verbot, Patienten ausschließlich aus der Ferne zu behandeln, die sie nicht persönlich kennen oder zuvor mindestens einmal gesehen haben. Und dann ist da natürlich die Frage der Vergütung: Wenn die Krankenkasse dafür nicht die Kosten übernimmt, kann die Umsetzung nicht klappen.
Die größten Hürden sind Datenschutz, Dokumentationspflicht und die Haftungsfrage. „Trotzdem wird mittelfristig an diesem Thema kein Weg vorbeiführen“, sagt Jörg Pelleter. „Zum einen, weil zu wenig junge Ärzte nachkommen, vor allem auf dem Land, zum anderen, weil der enorme Wissenszugewinn in der Medizin von den bestehenden Strukturen gar nicht verarbeitet werden kann.“
Baden-Württemberg ist Vorreiter in Sachen Telemedizin. DocDirekt heißt die Testwiese, die die Kassenärztliche Vereinigung vor eineinhalb Jahren im Ländle eingerichtet hat. Ein Arzt, der auf dem Portal regelmäßig Videosprechstunden anbietet, ist Sven Supper – mit Erfolg: Rund 200 Familien in ganz Baden-Württemberg hat der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin aus Pfullendorf bislang betreut, die Rückmeldungen sind bisher ausschließlich positiv.
Supper sieht hier ein Riesenpotenzial und fragt sich, warum diese für alle Seiten vorteilhafte Ferndiagnose so schlep-pend vorangeht. Deutschland liegt in dieser Entwicklung zehn bis 15 Jahre zurück. Zudem besteht die Gefahr, dass die Online-Versorgung in den Privatbereich abwandert. „Auch in einer Notfallpraxis könnte man wahrscheinlich bei einem Großteil der Fälle per Video schnell klären, ob die Patienten überhaupt kommen.müssen. Die Telemedizin könnte auch hier spürbar entlasten.“
Die Online-Kommunikation zwischen Patient und Arzt muss bei einer virtuellen Sprechstunde in sicheren Bahnen laufen. Kommerzielle Messenger-Dienste, wie Skype und WhatsApp, kommen aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht in Frage. Zertifizierte Software für Videosprechstunden gibt es jedoch bereits auf dem Markt, auch im App-Format. Abgesehen von der Software braucht es für eine Videosprechstunde an technischer Ausrüstung nur ein Tablet oder Notebook mit Headset und Kamera. Eine stabile Internetverbindung ist unabdingbar, um möglichst hochauflösende Bilder und Videos zu übertragen, doch auch die ist in Deutschland kein Standard. „Ein befreundeter Arzt macht das in Afrika, der hat keine Probleme mit Netzverbindung“, so Sven Supper.
Auch die Patientendaten sieht Online-Doktor Supper nicht wirklich gefährdet: „Selbstverständlich ist Datenschutz wichtig, aber das eine schließt das andere ja nicht aus. Zumal es Beratung am Telefon schon immer gab. Nur hat danach all die Jahre nie ein Hahn nach Datenschutz gekräht. Wenn ich als Arzt jetzt dazu noch ein Bild des Patienten über die Videosprechstunde bekomme, dann ist das doch nur von Vorteil.“

 

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