HILFE, MEIN KIND HAT OHRENSCHMERZEN

Feb 14, 2020 | BLEIBT GESUND

Bis zum 6. Lebensjahr werden mehr als 60 % aller Kinder an einer akuten Mittelohrentzündung, einer akuten Otitis media (AOM), erkranken. Sie ist damit nicht nur eine der häufigsten Ursachen für Besuche in der Arztpraxis, sondern auch dritt-häufigster Grund für eine Antibiotikabehandlung in dieser Altersgruppe.

Text Dr. Sven Hoh

In Deutschland wird ein Drittel der Kinder mit Ohrenschmerzen antibiotisch behandelt, in den USA oder anderen europäischen Ländern ist die Zahl deutlich größer. Dennoch ist eine antibakterielle Therapie der AOM mit Antibiotika immer abzuwägen. Einerseits wissen wir um die zunehmende Problematik der Resistenzentwicklung und wünschen uns eine möglichst ungestörte Entwicklung des kindlichen Mikrobioms im Darm; andererseits gibt es auch die Möglichkeit ernsthafter und schwieriger Verläufe mit Ausbreitung der Entzündung auf den Schädelknochen (sog. Mastoiditis) oder bleibendem Hörverlust. Die Gabe von Antibiotika bei Kindern mit Mittelohrentzündung will also wohl überlegt sein. Eine wichtige Voraussetzung für deren Verzicht ist grundsätzlich eine gute Zusammenarbeit zwischen Eltern und Arzt. In den meisten Fällen heilt eine akute Mittelohrentzündung nach wenigen Tagen von selbst aus, zu Komplikationen kommt es eher selten. Ein deutlich erhöhtes Risiko an einer akuten Mittelohrentzündung zu erkranken, tragen Kinder, die Zigarettenrauch ausgesetzt sind (Passivrauchen), die in Kindertageseinrichtungen untergebracht sind oder einen Schnuller verwenden.
Nahezu allen akuten Mittelohrentzündungen geht eine virale Infektion der oberen Atemwege voraus. Sie ist also eher als eine Komplikation des grippalen Infektes zu sehen. Kleinkinder sind besonders häufig betroffen, weil bei ihnen die Verbindung zwi-schen Mittelohr und Nasenrachen, die sog. Ohrtrompete, noch kurz ist. Krankheitserreger können daher leicht aus dem Rachen ins Mittelohr gelangen. Im Mittelohr sind bei akuten Entzündungen Bakterien deutlich häufiger nachweisbar, als Viren.
Die Symptomatik der Mittelohrentzündung ist bei älteren Kindern leicht zu erfragen. Der plötzlich einsetzende heftige Ohrenschmerz mit gleichzeitigem Hörverlust weisen den Weg zur schnellen Diagnose. Schwieriger wird die Diagnosestellung bei Kleinkindern. Bei Kindern, die sich häufig ans Ohr fassen, liegt eher selten eine akute Entzündung vor (<10 %). Hier gilt es also eher uncharakteristische Begleitsymptome richtig zu deuten. Fieber, Gereiztheit und Appetitlosigkeit können bei Kleinkindern von Bauchschmerzen und Übelkeit begleitet werden. Vermuten Eltern hinter den Krankheitszeichen ihres Kin-des eine akute Mittelohrentzündung, sollten sie auf jeden Fall einen Arzt aufsuchen. Dies muss jedoch nicht, etwa mitten in der Nacht, notfallmäßig geschehen. Obwohl ihr Kind unter Umständen starke Schmerzen hat, besteht normalerweise keine akute Gefahr. Schmerz- und Fieberlindernde Maßnahmen überbrücken die Zeit bis zum Arztbesuch. Paracetamol oder Ibuprofen, abhängig vom Alter des Kindes in Form von Zäpfchen oder Saft erhältlich, retten im Ernstfall Ihre Nacht. Vorsicht! In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass es unter keinen Umständen er-laubt ist Kindern unter 14 Jahren acetylsalicylsäurehaltige Medikamente (z. B. Aspirin, ASS) zu geben. Sie können bei Kindern das seltene, aber sehr dramatische Reye-Syndrom auslösen. Ohrentropfen sind bei einer Mittelohrentzündung nicht sinnvoll, da sie das Trommelfell nicht durch-dringen und damit nicht bis in das Mittelohr gelangen.

Die sichere Diagnosestellung erfolgt schließlich beim Arzt durch Inspektion des Trommelfelles, der sog. Otoskopie. Typischer Befund ist hier das gerötete und nach außen gewölbte Trommelfell. In vielen Fällen erahnt man hinter dem Trommelfell eitriges Sekret im Mittelohr oder es fließt bereits Sekret durch einen kleinen Riss im Trommelfell in den Gehörgang ab. Hat sich das Trommelfell bereits spontan eröffnet, lassen die Schmerzen rasch nach, ein solcher Riss im Trommelfell wächst normalerweise problemlos wieder zu. Bis dahin sollte jedoch kein Wasser ins Ohr gelangen.
Ist die Beurteilung des Trommelfelles schwierig, weil zum Beispiel Ohrenschmalz den Einblick versperrt, wird ihr Kinderarzt frühzeitig einen HNO-Arzt hinzuziehen. Eine Trommelfellbeweglichkeitsprüfung (Tympanometrie) oder ein Hörtest bei Kindern ab dem Schulalter können die Diagnostik sinnvoll ergänzen. Laboruntersuchungen oder bildgebende Verfahren (Röntgen, CT) sind im Normalfall unnötig, sofern kein Hinweis auf Komplikationen vorliegt.Bei der Therapie der AOM ist zu-nächst zu Bedenken, dass nach einem Tag bereits 60 % der Patienten eine spontane Besserung ihrer Symptome, also eine Spontanheilung, erleben und daher nur einer wirkungsvollen Schmerztherapie bedürfen. Wann benötigt mein Kind also eine antibiotische Therapie? Bei der Entscheidung spielen die Faktoren Alter und Symptomausprägung die wesentliche Rolle. Als Indikationen für eine sofortige Antibiotikagabe gelten:
Alter des Kindes unter 6 Monate, unter 2 Jahren bei beidseitiger AOM, anhaltende stärkste Schmerzen und Fieber > 39 °C oder mehr als 3 Tage anhaltendes Ohrenlaufen. Auch vorbestehende Risikofaktoren, wie Immunschwäche, schwere Grund-krankheiten, Lippen-Kiefer-Gaumen-spalten oder Cochlea-Implant-Träger, sprechen für eine frühzeitige antibiotische Therapie. Als Antibiotikum der Wahl gilt derzeit Amoxicillin. Berücksichtigt man dies und arbeiten Eltern und Arzt gut zusammen, bleibt den meisten Kindern die Einnahme eines Antibiotikums erspart.
Verbreitet wird zur Gabe abschwel-lender Nasensprays, sog. Schnupfen-sprays, geraten. Dies ist zumindest umstritten und letztlich nur bei gleichzeitig bestehender Schnupfensymptomatik sinnvoll.
Haben sich die Beschwerden nicht innerhalb der ersten zwei Tage gebessert, muss ihr Kind unbedingt dem Arzt wieder vorgestellt werden, um die Situation neu zu überdenken. Bei Kindern unter 2 Jahren gilt das bereits nach 24 Stunden.
Kinder, bei denen eine akute Mittelohrentzündung mehrfach im Jahr auftritt, sollten durch einen Ohrenarzt betreut werden. Neben dem Ausschluß von Allergien oder Immundefekten kann es sinnvoll sein, den Pneumokokkenimpfstatus zu überprüfen. Manchmal kann das Einlegen von Paukenröhrchen oder eine Adenotomie (gerne als Polypenentferung bezeichnet) sinnvoll sein, um, aufgrund der bestehenden Hörminderung, Verzögerungen in der Sprachentwicklung zu vermeiden._

 

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