Aus & Vorbei

Feb 14, 2020 | DAS WOLLEN WIR WISSEN

Was Kinder brauchen, wenn sich die Eltern trennen.

Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Nora Rathmacher
Gespräch Manuela Prill

Von fast jeder zweiten geschiedenen Ehe in Deutschland sind auch Minderjährige betroffen. 2017 etwa 124.000 Kinder und Jugendliche. Wenn die Familie zerfällt brauchen sie Eltern, die ihre Gefühle verstehen und das eigene Ego hinten anstellen. Auch wenn es schwer fällt.

Wenn sich Eltern scheiden lassen, steht ihnen eine schwierige Aufgabe bevor:  

Wann sagen wir es den Kindern?

Nora Rathmacher Idealerweise sollten Eltern erst mit ihren Kindern sprechen, wenn sie sich ihrer Entscheidung sicher sind und sie sich reiflich überlegt haben. Das hat den Vorteil, dass sie sich selbst vor dem Gespräch gedanklich und emotional intensiv damit auseinandergesetzt haben und in ihrer eigenen emotionalen Verarbeitung schon einen Schritt weiter sind als das Kind. Wenn der eigene Schmerz, die Trauer, Enttäuschung oder Wut nicht mehr so akut sind, können Eltern besser auf die Gefühle des Kindes eingehen.

Wie sagt man es den Kindern am besten?

Nora Rathmacher Wie man es den Kindern sagt, hängt natürlich vom Alter und Entwicklungsstand ab. In jedem Fall empfiehlt es sich, dem Kind ohne Umschweife, klar und ruhig zu sagen, dass man sich getrennt hat. Wenn Sie mit den Kindern über die Gründe sprechen, seien Sie ehrlich, überlegen Sie aber im Vorfeld gründlich, wie weit Sie ins Detail gehen. Ziel sollte es sein, einerseits dem Kind zu verdeutlichen, dass es gute Gründe für die Trennungsentscheidung gibt, sich andererseits aber auch bewusst zu machen, dass es für das Kind schädlich wäre, es mit Details zu konfrontieren, die es überfordern oder in einen Loyalitätskonflikt bringen. Geben Sie dem Kind Raum für Fragen, denn sie helfen, Ordnung in sein inneres Durcheinander zu bringen.

Wie wichtig ist es, dass Eltern zusammen die Entscheidung mitteilen?

Nora Rathmacher Auch wenn es schwerfällt, sollten Eltern den Kindern die Entscheidung gemeinsam mitteilen und sich gemeinsam, gegebenenfalls auch mittels professioneller Unterstützung im Vorfeld, auf das Gespräch vorbereiten. Sie tun dies in ihrer Funktion als Eltern, die zwar ihre Partnerschaft beendet haben, denen ihre gemeinsame Elternrolle aber weiterhin erhalten bleibt.

Bei einer Trennung bricht für alle Beteiligten die bisherige Familienwelt auseinander.

Was brauchen Kinder und Jugendliche in dieser Situation?

Nora Rathmacher Vor allem, wenn die Trennung überraschend ist, brauchen sie Zeit, die Nachricht zu verarbeiten. Weil jedes Kind anders damit umgeht, orientieren Sie sich an den Bedürfnissen Ihres Kindes und gestehen Sie ihm zu, dass es auf seine eigene Weise damit umgeht. Es ist okay, wenn es heute nicht zum Schwimmunterricht gehen will, oder erst mal das Weite sucht, um sich an der Halfpipe abzureagieren. Unabhängig vom Alter ist es für Kinder und Jugendliche wichtig zu hören, dass sie keine Schuld an der Trennung haben. 

Was ist noch wichtig?

Nora Rathmacher Kinder und Jugendliche brauchen in dieser Zeit auch Sicherheit und Antworten auf ihre Fragen. Wo und bei wem werden sie wohnen? Wie oft werden sie den jeweiligen Elternteil sehen? Wie wird Weihnachten, der Geburtstag, der Schulabschluss gefeiert? Und sie brauchen Eltern, denen es im besten Fall gelingt, ihr Kind gemeinsam durch diese Zeit zu begleiten.

Was sollte tunlichst vermieden werden?

Nora Rathmacher Erwarten Sie beziehungsweise fordern Sie kein Verständnis für die Entscheidung ein, indem Sie Sätze sagen wie „du musst dich auch mal in meine Lage versetzen“. Geben Sie dem Kind Raum für seine Gefühle. Es darf traurig, wütend, verzweifelt, verängstigt, besorgt, beunruhigt sein. Und auch wenn es schwer fällt: Es ist wichtig, dass Sie das aushalten. Sehen Sie es Ihrem Kind nach, wenn es in seiner Überforderung Äußerungen macht wie „ihr seid egoistisch“ oder „wenn ihr mich lieb hättet, würdet ihr zusammen bleiben“.

Warum fühlen sich Kinder oft verantwortlich für die Trennung?

Nora Rathmacher Je jünger Kinder sind, desto mehr fühlen sie sich verantwortlich für das, was um sie herum geschieht. Sie sehen sich als Zentrum der Welt, können sich noch nicht in andere hineinversetzen oder die eigene Sichtweise als eine unter mehreren erkennen. Auch wenn Grundschulkinder dies zunehmend besser beherrschen, stehen sie dennoch vor dem Problem, dass sie die partnerschaftliche Beziehungsebene nicht verstehen, da sie diese Art von Beziehung nicht kennen. Woher sollen sie wissen, dass zum Beispiel unterschiedliche sexuelle Bedürf-
nisse in der Beziehung ihrer Eltern ein unüberwindbares Problem darstellen können? Trennen sich die Eltern, ist es naheliegend, dass das Kind die Gründe dafür bei sich sucht, was sich dann in Selbstvorwürfen wie „Mama und Papa haben gestritten, weil ich mein Zimmer nicht aufräumen wollte. Deshalb bin ich schuld“ abbildet.  

Kann ein Kind überhaupt mit solchen Schuldgefühlen umgehen?

Nora Rathmacher Schuldgefühle sind für Menschen grundsätzlich schwer auszuhalten. Bei Schuldgefühlen geht es im Kern darum, die Verantwortung für ein Unglück, Missgeschick, einen Fehler bei sich zu suchen. Es ist dann funktional, wenn es uns dazu bringt, diesen Fehler zu beheben. Im Falle der elterlichen Trennung haben Kinder nichts falsch gemacht und müssen von ihren Eltern immer wieder hören, dass sie keinerlei Schuld daran tragen. Das entlastet sie.

Häufig geraten Scheidungskinder zwischen die Fronten, werden sogar instrumentalisiert.

Was macht das mit ihnen?

Nora Rathmacher Es schadet mitunter in hohem Maße ihrer psychischen Gesundheit. Vor allem zu Beginn sind sie ja selbst überfordert, verunsichert und verwirrt. Um die Trennung gut verarbeiten zu können, brauchen sie Eltern, die feinfühlig und sensibel sind und zusätzlichen Stress von ihnen fernhalten. Geraten Kinder zwischen die Fronten, passiert genau das Gegenteil. Wenn Eltern ihre Konflikte vor ihnen austragen, vom Kind verlangen, Nachrichten an den anderen zu überbringen, sich beim Kind über den anderen Elternteil beklagen oder diesen gar abwerten oder von dem Kind verlangen, sich für eine Seite zu entscheiden, dann überfordern und belasten sie das Kind erheblich.  

Und wie reagieren Kinder darauf?

Nora Rathmacher Ganz unterschiedlich: die einen regressiv, zum Beispiel indem sie wieder einnässen. Die anderen ziehen sich zurück, sind still und in sich gekehrt, ängstlich, unkonzentriert, appetit- oder freudlos. Und wieder andere reagieren gereizt und aggressiv.

Erleben Kinder die Trennung der Eltern auch als Erleichterung?

Nora Rathmacher Wenn Kinder über einen längeren Zeitraum und gehäuft Zeugen elterlicher Konflikte werden und die Eltern als überfordert, unglücklich und hilflos erleben, kann die Trennung auch eine Entlastung sein. Das gilt vor allem bei häuslicher Gewalt oder sexuellem Missbrauch. Hier stellt die Trennung eine erhebliche Erleichterung dar und stellt überhaupt erst die Weichen für eine gesunde Entwicklung.

Ein Trennungskind muss also nicht zwangsläufig unglücklich sein?

Nora Rathmacher Nein. Und das gilt nicht nur für Kinder, die Opfer häuslicher Gewalt wurden. Wenn Kinder den ersten Schock verdaut haben und dann sehen, dass ihre Eltern wertschätzend und respektvoll miteinander umgehen und weiterhin Eltern bleiben, die Anteil an ihrem Leben nehmen und gemeinsam für sie sorgen, dann steht einer glücklichen Kindheit und Jugend auch nichts im Wege. 

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