Wenn die Stille der Weihnachtsnacht zu groß ist

Okt 28, 2019 | UNSERE WELT

Text Sarah Seewald

So richtig friedlich ist Weihnachten in der Familie selten. Zumindest nicht vor dem Hintergrund aller Last-Minute-Besorgungen, aller Feiertage, aller Plätzchen, aller Geschenke und aller Familienbesuche.

Vor drei Jahren habe ich Helga und Norbert Jansen aus Oberfranken kennengelernt. Sie hießen damals nicht Helga, nicht Norbert und auch nicht Jansen. Die Gründe, warum ihre echten Namen nichts zur Sache tun, waren damals wie heute triftig. Sie baten mich über etwas zu schreiben:

ÜBER
GROSSELTERN,
DENEN ES
GANZ BESONDERS
ZUR WEIHNACHTS-
ZEIT NICHT SO
GUT GEHT.

JUBEL, TRUBEL, FAMILIENSTREIT!
Über alle Generationenstreitigkeiten hinaus gibt es andere Geschichten, die besonders an Feiertagen schmerzen. Schicksalsschläge, Armut, Krankheit. Oder auch seelischer Kummer. Zum Beispiel, weil Großeltern ihre Enkelkinder nicht zu Gesicht bekommen. Nicht im Advent, nicht an Nikolaus, nicht am Heiligen Abend. Wenn Geschenke verschlossen an sie zurückgeschickt oder schlichtweg von den Eltern nicht an die Kinder übereicht werden. Helga und Norbert Jansen haben sich als deutschlandweit in einer Initiative zusammengeschlossen. In unterschiedlichen Städten – auch in Franken – gibt es Selbsthilfegruppen und regionale Ansprechpartner. Betroffene gibt es viele. Oft sind es Scheidungen, bei denen die Eltern des Nicht-Hauptsorge-rechtstragenden – also häufig die Eltern es Kindsvaters – ihre Enkel plötzlich nicht mehr sehen. Manchmal trennt der Tod der eigenen Tochter wie bei Familie Jansen die Großeltern von den Enkeln. Von einem auf den anderen Tag waren die Dienste und Besuche der Großeltern nicht mehr erwünscht. Dabei waren sie zuvor aktiv am Leben ihrer Enkel beteiligt. Schwimmen, vorlesen, kuscheln – sie waren nicht nur die Großeltern, sie waren Oma und Opa.

Die Befürchtung der beiden: Wir werden vergessen. Die Bundesinitiative „Verstoßene Großeltern“ spricht von Kinderklau, von familiären Vertreibungen, die mit denen aufgrund kriegerischer Auseinandersetzungen vergleichbar sind, von purem Egoismus der Eltern.

Heftige Worte. Worte, die die Verletztheit sichtbar machen, die eines oft nicht widerspiegeln: Die Großeltern haben nicht nur ihre Enkel verloren, sondern auch die Verbindung zu ihren eigenen Kindern. Dennoch gibt es immer mindestens zwei Seiten der Geschichte. Die Jansens, hegen keinen Groll gegen ihren Schwiegersohn. Sie sind schlicht verzweifelt und wollen die Funkstille, ihre Degradierung nicht einfach hinnehmen. Betroffene wie die Jansens fühlen sich bei den „Verstoßenen Großeltern“ verstanden, dürfen ihre Gefühle offen ansprechen, müssen sich nicht dafür schämen, dass es eine heile Familie so nicht gibt.

Auch Großeltern haben Rechte. Das ist im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) verankert. 1998 wurde im Paragrafen 1685 festgeschrieben, dass Oma und Opa ein Umgangsrecht zusteht. Allerdings – und das wird kritisiert – laut BGB dann, wenn der Umgang dem Wohl des Kindes diene. Das wiederum ist Auslegungs- und Ansichtssache. Erst ein-mal von den Betroffenen selbst, den Eltern, den Großeltern, aber letztlich auch von der Gerichtsbarkeit, sollte es zu einem Prozess kommen. Dazu kommt es allerdings selten. In Frankreich ist das Gesetz eher großelternorientiert – hier muss vor Gericht ziehen, wer ein Umgangsrecht entziehen möchte. Kämpferische Großeltern wünschen sich auch hierzulande, dass der Zusatz „zum Wohle des Kindes“ gestrichen wird.

Wertschätzung verleiht der Staat Bayern Großeltern in diesem Jahr ganz besonders: Bayern führt deutschlandweit den ersten Großelterntag ein“, verkündete Ministerpräsident Markus Söder (CSU) auf Twitter. Nach Mutter- und Vatertag sollen ab jetzt immer am zweiten Sonntag im Oktober die Großeltern wertgeschätzt werden. Laut einer Studie des deutschen Jugendinstituts aus dem Jahr 2018 sind Oma und Opa in Deutschland im Schnitt 53 Jahre alt, wenn das Enkelkind geboren wird. Aufgrund der hohen Lebenserwartung bleibt viel Zeit, die Kindeskinder aufwachsen zu sehen.

Eltern verschmähen ihre Eltern und Schwiegereltern überwiegend nicht aus purer Böswilligkeit, aus Egoismen plagen Gewissensbisse, weil ihre Kinder nicht von Oma und Opa verwöhnt werden. Ein Kontaktverbot oder ein Familienbruch wird sicherlich von niemandem leichtfertig in Kauf genommen. Vielleicht schafft diese Gewissheit, dass es für alle Beteiligten – alle Generationen – schmerzhafte Augenblicke rund um die Feiertage gibt, die Chance, einander anzunähern oder zumindest nicht noch mehr Groll aufzubauen, sondern viel mehr Kraft zu schöpfen um in aller Ruhe nach den Feiertagen noch einmal aufeinander zuzugehen. Sich einer gemeinsamen Familientherapie, einer Mediation oder erst einmal einer gemeinsamen Tasse Kaffee auf neutralem Boden anzunehmen.

NIEMAND MUSS SCHWEIGEN Die Nummer gegen Kummer hilft Betroffenen – zumindest mit Zuhören – vielleicht erst einmal weiter oder zumindest über die Feiertage hinweg. Für Kinder ist das die 116111, für Erwachsene die 0800/1110550. Unter www.grosselterninitiative.de finden sich Ansprechpartner der jeweiligen Regionen/Bundesländer.
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