Reiseglück

Okt 28, 2019 | Schau ins Land

REISEGLÜCK FÜR ALLE BETEILIGTEN GEHT DAS ÜBERHAUPT?

Text Sarah Seewald

Packen, weite Strecken fahren, Gewissensbisse, weil man doch ins Flugzeug steigt – es ist nicht einfach, einen Familienurlaub zu planen. Zahlreiche Urlaubsportale und Alles-drin-Schnäppchen machen einem die Entscheidung nicht leichter. Rund um den Jahreswechsel denken viele wieder an die warmen Tage im Sommerurlaub. Doch wie planen Familie am besten?

Urlaubsreif? Ja. Urlaubsstimmung? Nein. Die Sache mit dem Familienurlaub hat Nina für sich erst einmal abgehakt. Oder zumindest die Vorstellung aufgegeben, dass sie in naher Zukunft einen bilderbuchhaften Familienurlaub erleben wird. Erholung könnte sie aber dringend gebrauchen. Welche Eltern nicht? Fast hätte sie es erlebt. Das perfekte Reiseglück. Am zweiten Urlaubstag noch fühlt sie sich wie im siebten Himmel: „Ich bereue keine Sekunde, den alljährlichen Urlaub mit unseren Freunden abgesagt zu haben“, schreibt Nina aus dem Landkreis Bamberg auf Instagram. Die Familie hatte erstmals in einen Urlaub in einem Sterne-Familien-hotel investiert. „Das Zimmer, die Lage, der Service, das Essen…vor allem das Essen.“ Das waren nur einige Gründe, warum sich der Aufpreis im Vergleich zu einer Ferienwohnung mit Selbstversorgung in Ninas Augen gelohnt hat, gab es viele. Zumindest anfangs.
Doch selbst mit der vermeintlich perfekten Unterkunft, war das mit dem Urlaubsglück nicht so einfach. Denn prompt kam der Mamatrubel dazwischen. Zu ihrem eigenen Geburtstagsfrühstück gab es statt Kuchen…naja sagen wir…etwas deutlich weniger Appetitliches. Nach einem sich durchbohrenden Zahn, einem fast gebrochenem Zeh und einem Magen-Darm-Infekt zieht sie folgende Bilanz: „Fazit von Urlaub Nummer zwei mit Kind: War genau so schrecklich wie letztes Jahr, aber das Ambiente und die Freizeitgestaltung waren wesentlich angenehmer.“
Mit dieser Haltung ist Nina vielleicht eine der wenigen, die mutig und ehrlich die weniger schönen Seiten des Elterndaseins ansprechen, sie ist aber keinesfalls alleine. Charlotte Roche hat die Protagonistin in ihrem Roman „Schoßgebete“ zu folgender Erkenntnis gebracht: „Das Leben ist zu Hause, wenn die Kinder in der Schule sind, viel einfacher. Wenn man sie dann aber den ganzen Tag bespaßen muss, damit ihnen nicht langweilig wird, und denen wird schnell langweilig, dann kriegt man eben einen Nervenzusammenbruch. […] Ohne Kinder ist der Urlaub auch schrecklich.“ Doch was ist überhaupt ein Happily-ever-after-Familienurlaub? Offenkundig erleben diesen ja alle anderen. Oder mindestens alle Lifestylefamilienblog-ger – ganz egal, ob Roadtrip während der Elternzeit oder Bergidyll im Herbst. Klären wir also erst einmal, was überhaupt familienfreundlich ist. Im Duden steht: „Der Familie (als sozialer Gruppe) dienlich, ihr entgegenkommend, sie fördernd“. Aus Elternsicht bedeutet das übersetzt also zum einen Faktoren wie Wickeltisch, Hochstuhl, Kinderbetten, aber eben auch die emotionale Sicherheit: Hier wirst du nicht schräg angeschaut, wenn du dein Baby beim Frühstück in aller Öffentlichkeit stillst, während dein Zweijähriger unbedingt jetzt sofort mit dem großen Messer sein Marmeladenbrot selbst schmieren möchte. Es kommt also nicht nur auf offensichtliche Faktoren an.
Früher wurden familienfreundliche Betriebe zum Beispiel von dem bayerischen Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA zertifiziert. Dieser verweist mittlerweile an die Bayern Tourismus Marketing GmbH. Hier wird unter der Qualitätsmarke Kinderland® versprochen: „Egal, ob Sternehotel oder Bauernhof, Campingplatz, Jugendherberge oder Ferienwohnung – hier sind Familien wirklich willkommen.“ Bis zu 100 Qualitätskriterien müssten die Betriebe standhalten, um im Verzeichnis aufgeführt zu werden.
Jetzt will aber natürlich nicht jeder seinen Urlaub in Bayern oder überhaupt in Deutschland verbringen. Und nicht jeder verfügt über das Budget, um sich die durchaus hochpreisigen Erholungstage in einem wunderschönen Familienhotel mit Wellnessbereich und abendlichem Kindermenü leisten zu können.
Hört man Müttern und Vätern in der Spielgruppe zu, wird vor allem eines deutlich: Jeder definiert sein familiengerechtes Urlaubsglück anders. Die einen sehnen sich vor allem nach einer Entlastung vom Haushalt und wollen auf keinen Fall im Urlaub kochen, andere suchen das Abenteuer im Wohnmobil – auch zu viert oder zu fünft. Besonders diese wilden scheinbar romantischen Trips in den Norden sind derzeit besonders angesagt. Nur, weil gerade etwas hip ist, bedeutet das noch lange nicht Erholung für die eigene Familie. Sich das einzugestehen, ist vielleicht der erste Schritt, um für alle eine zufriedenstel-lende Urlaubsform zu finden.
Lena hat in diesem Jahr ganz auf einen Familienurlaub verzichtet. Es hat einfach bisher zeitlich nie gepasst. Für nächstes Jahr, für den ersten Sommer zu viert, da ist bereits der dreiwöchige Familienurlaub gebucht. Ihr Buchungsprinzip: Kindheitserinnerungen. Dort, wo sie sich selbst als Kind wohlgefühlt hat und auch ihre Eltern gerne immer wieder hingefahren sind, dort wird jetzt auch der erste Familienurlaub mit Säugling stattfinden. Auf Erfahrung sollten Familien öfter vertrauen. Wenn Freunde von einem Urlaub schwärmen, warum nicht direkt den Namen der Unterkunft notieren oder am besten direkt die Website mit dem Smartphone aufrufen, damit man in den nächsten Tagen wieder daran erinnert wird und den Zettel nicht eine frustrierte Urlaubserfahrung später in der Jackentasche findet.
Persönliche Erfahrungen aber auch Nachfragen beim Hotel oder Ferienwohnungsvermieter können Eltern oft schon im Voraus den Urlaub retten. Zum Beispiel wenn Suchbegriffe wie „Familienbett“ keinen Treffer landen. Eine andere Option wäre es, Bilder des Anbieters durchzuklicken, ob es irgendwo ein Bett gibt, das nahe an der Wand steht oder ob ein Reisebett als Baby-Fallschutz noch danebengestellt werden kann. Lieber einmal mehr nachfragen, als sich darauf zu verlassen, dass eine Unterkunft, die sich selbst als familienfreundlich bezeichnet, auch wirklich familiengerecht ist. Ob es eine Patentlösung gibt? Vielleicht sicherheitshalber lieber eine Packung Steckdosensicherungen einpacken. Und vor allem die Erwartungen runterschrauben. Denn so gar kein Urlaub ist ja auch nicht die Lösung – das sieht Lena definitiv auch so und sehnt den Sommer 2020 schon herbei.

#TRAVELLINGMOM
#FAMILIENTRIP
REISETIPPS IN DER SOCIAL MEDIA WELT

Gerade auf Instagram sind immer mehr Mamablogger im Urlaub auch auf #pressereise. Das kann nervig sein und muss klar als Werbung identifiziert werden, es gibt Eltern aber durchaus die Chance, sich ein Bild von Anbietern, Ländern oder Unterkünften und Co. zu machen.

Die Mamabloggerin Claudia reist oft auf unterschiedliche Weisen – von der Jugendherberge bis zum Familienpalast
@WASFUERMICH

…oder folge Gloria Zasso, die mit ihrer Familie eine Weltreise unternimmt
@SHANAYARALEONIE

… und nicht weniger abenteuerlustig ist Nathalie, die mit ihrem Sohn Marvel mit wenig Geld, aber mit viel Vertrauen um die Welt zieht
@MOM_AND_A_HALF_MAN

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