Nur Mut! Wie viel Schüchternheit ist gut für mein Kind?

Okt 29, 2019 | DAS WOLLEN WIR WISSEN

Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Nora Rathmacher Gespräch Astrid Schmitt

Meist ist es Eltern eher unangenehm, wenn das eigene Kind in der Öffentlichkeit zu laut ist und rumtobt. Aber auch ruhige, stille Kinder können unter Umständen Unterstützung brauchen. Nämlich dann, wenn die Schüchternheit zum Alltagsproblem wird.

WANN BEZEICHNET MAN EIN KIND ALS SCHÜCHTERN?
NORA RATHMACHER Wenn sich ein Kind in sozialen Kontakten überwiegend unsicher, scheu und zurückhaltend verhält. Dabei muss man aber berück-sichtigen, dass es entwicklungsbedingt besonders sensible Phasen gibt, die Ausdruck normaler Entwicklung sind. Zum Beispiel ist ein sieben Monate altes Baby, das fremdelt, nicht schüchtern, sondern hat verstanden, dass es einen Unterschied zwischen Bezugspersonen und Fremden gibt. Das drückt es eben auch in seinem Verhalten aus: Es vermeidet beispielsweise Blickkontakt zu Unbekannten, muss erst auftauen, bevor es Kontakt aufnimmt. Das ist ganz normal und Ausdruck gesunder Entwicklung. Extrovertierte Kinder reagieren in dieser Entwicklungsphase genauso.

IST SCHÜCHTERNES VERHALTEN ALSO ERST EIN MAL BESSER?
NORA RATHMACHER Das kann man so nicht sagen. Ob Schüchternheit gerade hilfreich oder hinderlich ist, hängt vor allem von der Situation ab, in der sich das Kind befindet. Gleiches gilt natürlich auch für extrovertierte Kinder.

IST SCHÜCHTERNHEIT ANGEBOREN ODER ERLERNT?
NORA RATHMACHER Sowohl als auch. Aus der Temperamentsforschung wissen wir, dass bestimmte Temperaments- und Charaktermerkmale angeboren sind. Sie werden zwar durch das soziale Umfeld beeinflusst, können aber nicht komplett aberzogen werden.

AB WELCHEM ALTER ENTSTEHT SCHÜCHTERNHEIT?
NORA RATHMACHER Schüchternheit entsteht nicht in einem bestimmten Alter. Wie schon gesagt, kommen viele schüchterne Kinder schon mit dieser Veranlagung zur Welt. Sie wird in bestimmten Entwicklungsphasen, wie in der Zeit, in der Kinder Fremdeln oder in der Pubertät, manchmal stärker und kann natürlich auch durch das Verhalten der Umwelt verstärkt werden.

WELCHE FOLGEN KANN EXTREME SCHÜCHTERNHEIT HABEN?
NORA RATHMACHER Wenn Schüchternheit so stark ausgeprägt ist, dass die kindlichen Bedürfnisse, wie beispielsweise mit anderen Kindern in Kontakt zu treten oder Freunde zu finden, nachhaltig frustriert oder altersentsprechende Anforderungen nicht erfüllt werden, wie nein sagen zu können oder ein Referat zu halten, dann entsteht oft ein hoher Leidensdruck. Der kann von starker Frustration, Selbstunsicherheit bis hin zu einer Angststörung, also eine soziale Phobie, reichen. Anders formu-liert: Schüchternheit ist nur ein Problem, wenn sie Probleme macht.

WIE REAGIERE ICH RICHTIG, WENN MEIN KIND ZU SCHÜCHTERN IST?
NORA RATHMACHER Indem Sie zuerst beobachten, was es mit Ihnen macht, wenn sich Ihr Kind schüchtern verhält: Ärgert es Sie, weil Sie vielleicht ganz anders sind und es schwer fällt zu verstehen, dass sich Ihr Kind so anstellt? Sind Sie besorgt, weil Sie als Kind unter Ihrer Schüchternheit gelitten haben? Sind Sie verunsichert, weil Ihnen mal wieder eine andere Mama gesagt hat, das sei nicht mehr normal? Die Art und Weise, wie Sie die Schüchternheit Ihres Kindes bewerten und wie Sie damit umgehen, beeinflusst auch Ihr Kind. Also, keine Schnellschüsse, sondern sich kurz besinnen und überlegen ob es überhaupt ein Problem darstellt. Wenn ja, loben Sie Ihr Kind für sozial aufgeschlossenes Verhalten, beispielsweise wenn es sich doch traut, auf ein anderes Kind zuzugehen – Ausnahmen gibt es immer, kein Kind ist immer nur schüchtern. Wichtig ist aber auch, es keinesfalls zu beschämen, wenn es mal nicht so gut klappt.

WIE REAGIERE ICH, WENN ICH MERKE, EIN WENIG MEHR ZURÜCKHALTUNG BEI MEINEM KIND WÜRDE NICHT SCHADEN?
NORA RATHMACHER Naja, die einen brauchen eben Ermutigung, die anderen Begrenzung.

DENKT MAN AN SCHÜCHTERNE KIN-DER, DENKT MAN TENDENZIELL EHER AN MÄDCHEN. IST DAS EHER DEREN THEMA?
NORA RATHMACHER Nein, im Kindesalter betrifft Schüchternheit Mädchen und Jungs gleichermaßen. Unterschiede gibt es vor allem in der Bewertung der Schüchternheit: Bei Mädchen ist sie sozial deutlich akzeptierter als bei Jungs. Die werden deswegen auch schneller zum Therapeuten gebracht als Mädchen, weil sie die gesellschaftliche Rollenerwartung, wie Jungs zu sein haben, nicht erfüllen. Dadurch bekommen sie jedoch auch schneller professionelle Hilfe als Mädchen, bei denen das ja vermeintlich normal ist. Das könnte ein Grund dafür sein, dass im Jugendalter behandlungsbedürftige, soziale Ängste bei Mädchen doppelt so oft vorkommen. Sie werden im Umgang mit schüchternem Verhalten möglicherweise zu wenig unterstützt.

GIBT ES EINEN UNTERSCHIED ZWISCHEN EINZEL- UND GESCHWISTER-KINDERN IN PUNCTO SCHÜCHTERN-HEIT?
NORA RATHMACHER Hier kann das soziale Umfeld durchaus Einfluss auf Temperamentsfaktoren nehmen. Per se lässt sich nicht sagen, dass es gut oder schlecht ist, als schüchternes Kind Geschwister zu haben. Auch hier wirken zahlreiche Faktoren zusammen: Geschwister können sich positiv beeinflussen, aber auch negativ. Im besten Fall hat ein schüchternes Kind einen Bruder, oder eine Schwester, oder Freunde, die ein Rollenmodell für ein beherzteres Verhalten in sozialen Situationen sind und schaut sich etwas ab.

KANN ICH VIELLEICHT VON GEBURT AN DAS RICHTIGE GLEICHGEWICHT FÜR MEIN KIND SCHAFFEN?
NORA RATHMACHER Ja und nein. a Temperament angeboren ist, bleibt im Laufe des Lebens auch eine Tendenz zu zurückhaltendem, vorsichtigem Verhalten bestehen. Aber schüchternes Verhalten ist kein Programm, das automatisch abläuft und nicht beeinflusst oder verändert werden kann. Kinder können und sollten lernen, damit umzugehen und sich ihr vorsichtiges, zurückhaltendes Verhalten zunutze machen, wenn es hilfreich ist und gleichzeitig auf andere Ressourcen zurückzugreifen lernen, wenn ihre Schüchternheit sie daran hindert, das Leben zu führen, das sie gerne führen möchten.

Wie reagiere ich richtig – ein kleines Beispiel: Sie sind bei Freunden zum Grillen verabredet. Ihr vierjähriges Kind klammert sich an Sie oder versteckt sich hinter Ihnen und antwortet auch nicht auf die freudige Begrüßung der anderen. Anstatt Ihrem Kind zu sagen, „hier beißt keiner“ oder „du musst doch nicht schüchtern sein“ (Sie wissen aus Erfahrung, dass das sowieso nichts bringt), nehmen Sie das Bedürfnis Ihres Kindes wahr und zeigen Sie ihm, dass Sie es verstehen: Nehmen Sie Ihr Kind zu sich und sagen Sie ihm, dass das ganz schön anstrengend oder zu viel sein kann, wenn da plötzlich so viele Leute sind. Suchen Sie sich ein ruhiges Plätzchen, lassen Sie es ankommen und wenn Ihr Kind dann die anderen Kinder entdeckt und Lust hat, sich dazuzugesellen, dann tun sie das zunächst gemeinsam. Auch hier loben Sie ihr Kind, wenn es sozial aufgeschlossenes Verhalten zeigt. Das tut ihm gut und gibt ihm Sicherheit, dass es auf dem richtigen Weg ist.

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