Fridays for future

Okt 24, 2019 | AKTUELLES

Stellas Einsatz für die (Um)Welt

MEHR ALS EIN STICKER AM BRIEFKASTEN

Text Sarah Seewald

Im September hat die Bewegung über eine Million Menschen in Deutschland auf die Straßen gebracht – Fridays for Future. Was als Schulstreik eines einzelnen Mädchens für das Klima begann, hat mittlerweile weltweit Anhänger gefunden. Wir haben die Familie einer jungen Demonstrantin besucht und erfahren, warum die Kinderschokoladen-Vorräte im Haus nicht mehr aufgefüllt werden.

Stella rebelliert. Sie ist 13. Die Jugendliche probt allerdings keinen Aufstand gegen ihre Eltern – zumindest nicht während unseres Besuchs. Vielmehr weiß sie dank ihrer Mutter, wo sie aktuell freitagvormittags am liebsten ist. Yvonne Bischof hatte ihrer Tochter Anfang des Jahres ein Video von Greta Thunberg, der Umweltaktivistin aus Schweden, geschickt. Kurz darauf war für die 13-Jährige klar: So etwas muss es in Bamberg auch geben. Eine Skiausfahrt-Woche später hatten es zwar andere als Stella in die Tat umgesetzt, doch „Hauptsache, es gibt eine Gruppe“, sagt sie.

Im Orga-Team ist sie vorne mit dabei. Immer wieder hat sie ein Megafon in der Hand und heizt der Menge ein: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut.“ Am 20. September, dem weltweiten Klimastreiktag, hat Stella vor ungefähr 3500 Menschen eine Rede gehalten. Unter den Zuhörern waren auch ihre Eltern. So gut und so lange es ihr in ihrer Mittagspause möglich war, hat sich Stellas Mama angehört, was die Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu sagen haben. Und das tut sie auch jetzt, während des Gesprächs bei ihnen zu Hause. Zuhören. Ihre Tochter aussprechen lassen. 

„Ich denke nicht, dass man Kinder in dem Alter instrumentalisieren kann. In dem Alter setzen die ihren eigenen Kopf durch“, entgegnet Yvonne Bischof einem häufig gehörten Vorwurf. Sie selbst weiß noch zu gut, welches Gefühl das war, sich gemeinsam für oder besser gesagt gegen eine Sache einzusetzen. Was früher der „Atomkraft – nein danke“-Sticker war, ist heute ein „Fridays for future“-Aufkleber, der am Briefkasten der Familie Vorbeigehende darauf hinweist, dass in Bamberg für mehr Klimapolitik demonstriert wird.   

Wenn Stella streikt – und das tut sie seit Februar 2019 jeden Freitag – dann verlässt sie die Schule in der zweiten großen Pause. Somit verpasst sie in der Regel zwei Schulstunden, erklärt sie. 90 Minuten in denen sie lernt über sich selbst hinauszuwachsen, für ihre Werte einzustehen, diskutiert, die Kraft der Gemeinschaft erlebt. In ihren Augen also kein Verlust. Von Argumenten, die Kinder könnten schließlich auch in ihrer Freizeit auf den Klimawandel aufmerksam machen, hält sie nicht viel: „Dann wäre es ja kein Schulstreik, kein Streik.“ 

Stella kennt genug Mitschüler, die der Meinung sind, das bringt doch nichts. Einigen sei garnicht klar, warum sie sich für ihre Umwelt einsetzen sollten. Diese Frage stellt sich für Stella seit der dritten Klasse nicht mehr. Während eines Vortrags einer Meeresschutzorganisation sieht die Schülerin zum ersten Mal Bilder von Tieren, die am Plastikmüll verenden. „Wale, die mit vollem Magen verhungern“, sagt Stella. „Wir haben davor schon umweltbewusst in der Familie gelebt, ab diesem Zeitpunkt habe ich verstanden, warum.“ 

Für ein umweltbewusstes Leben zählt für die Bischofs nicht nur Verzicht auf Plastikverpackungen, so gut es geht oder der Kauf von Bioprodukten. Seit vergangenem Jahr pocht Stella darauf Palmöl weitestgehend aus dem Haushalt zu verbannen. Und das ist überhaupt nicht so leicht. Laut der Internetplattform „Utopia“ steckt Palmöl, ein Pflanzenöl, in beinahe jedem zweiten Lebensmittel – zum Beispiel in Schokoriegeln. Auch in Seifen, Tütensuppen oder anderen Fertiggerichten ist das Fett verarbeitet. Das Problem: Für die steigende Nachfrage an dem Ertrag der Ölpalme werden seit Jahren viele Regenwaldflächen abgeholzt, um noch größere Anbauflächen nutzen zu können.   

Drei erste Schritte im Alltag

1. Kleidertausch: Tauscht Klamotten, die ihr nicht mehr gerne tragt einfach im Freundeskreis oder auf Second-Hand-Plattformen im Netz. 2. Etiketten lesen: Palmöl ist in sehr vielen Lebensmitteln enthalten. Wer sich einmal bewusst damit auseinandersetzt, lernt schnell, dass es Alternativen gibt. 3. Radeln: Für Stella eindeutig für jeden umsetzbar: häufiger aufs Auto verzichten.

Stella ist mit ihren 13 Jahren sehr überlegt, vorausschauend und reflektierend. Die quasselt nicht einfach drauf los oder plappert anderen nach. Eine, die sagt, „ich muss mal eben nachdenken“, wenn ihr eine Antwort nicht sofort auf der Zunge liegt. Die mit 13 bereits eine Ahnung davon hat, was sie mit ihrem Schulabschluss beruflich anstrebt. Stella weiß, wann die Tagesschau läuft und schaltet gezielt um diese Zeit den Fernseher ein – nicht um. 

Viele junge Menschen wie Stella erfahren derzeit viel Missgunst und üble Nachrede. Ziel der harschen Kritik ist die Repräsentantin, wie Stella Greta Thunberg bezeichnet: „Man kann ein 16-jähriges Mädchen nicht derart beleidigen“, sagt sie. Tauschen würde sie mit Greta auf gar keinen Fall. „Egal, was sie macht, es ist falsch.“ 

Alles richtig machen, darum ginge es überhaupt nicht. Stellas Umweltlaster seien zum Beispiel Bananen. Im nächsten Jahr möchte sie die Fastenzeit nutzen, um sich gezielt vegan zu ernähren. Wie konsequent sie nach diesen Wochen im Frühjahr vegan oder doch vegetarisch isst, das werde sie dann sehen. Nie wieder fliegen, nie wieder mit dem Auto fahren, nie wieder Palmöl essen, nie wieder eine Plastiktüte benutzen – darum gehe es doch überhaupt nicht im klitzekleinen Detail. „Wütend macht mich, dass wir viele Dinge überhaupt nicht mehr schätzen. Dass so viele nicht realisieren, dass es eigentlich schon viel zu spät ist für die Welt.“ Dabei sei es so viel einfacher, mit dieser Erkenntnis im eigenen Alltag etwas zu verändern – und eben auch auf die geliebte Kinderschokolade zu verzichten.

Wer mehr über die Bewegung und aktuelle Aktionen in seinem Wohnort wissen möchte, findet unter www.fridaysforfuture.de Informationen
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